Halluzination? Fata Margana? Knallbunte Hügel erscheinen mitten in der Einöde der kalifornischen Wüste.
Dazwischen Schilder mit der Aufschrift “Jesus loves you” und silberne Spaceships aus Konservendosen.
Der “Salvation Mountain” nahe der Slap City ist sicher einer der skurrilsten Plätze dieser Erde.

 

Salvation Mountain

 

Salvation Mountain Kalifornien © Nina Fabienne Scholz

Abgefahren! Das ist das erste, was mir durch den Kopf schießt, als ich mitten im Nichts des kalifornischen Hinterlandes plötzlich vor einem großen, knallbunten Hügel stehe. „God is love“ prangt in großen, roten Buchstaben auf der Vorderseite, auf seiner Spitze steht ein riesiges, weißes Kreuz gegen den stahlblauen Himmel. Davor ein altes, buntbemaltes Auto, das einem am „Salvation Mountain“ willkommen heißt. Die Luft flimmert vor Hitze und bei der Unwirklichkeit der Erscheinung könnte man fast glauben, dass mir eine Fata Morgana erschienen ist. Ich bin fasziniert und steuere auf das Gebilde zu. Am Fuß des Salvation Mountain weisen Schilder darauf hin, bei Besteigung des Hügels den markierten Weg nicht zu verlassen. Vorsichtig erklimme ich den rutschigen Berg und lese die zahlreichen Inschriften, die Gott und Jesus gewidmet sind. Der Ort wirkt voll und ganz surreal. Von unten höre ich plötzlich wütende Schreie eines Mannes: „Get down, stay on the path!“ Ich drehe mich um und sehe wie ein Mädchen die Markierung verlassen hat, um auf einer Anhöhe für ein Foto zu posieren. Der Mann ist sichtlich aufgebracht. Später komme ich mit ihm ins Gespräch und erfahre warum. Er ist der Wächter des Vermächtnisses von Leonard Knight, dem Mann, der „Salvation Mountain“ erschuf.

 

Leonard Knight

Truck Salvation Mountain © Nina Fabienne Scholz1984 blieb Leonard Knight mit seinem Truck in der Wüste liegen. Er nahm es als ein Zeichen des Schicksals hin und begann ein Kunstwerk zu erschaffen, das die Botschaft der allumfassenden Liebe Gottes verbreiten sollte. Bis zu seinem Tod arbeitete er alleine und ohne professionelles Equipment an der Anlage, die hauptsächlich aus Lehm, Stroh und viel bunter Farbe besteht. 2002 wurde der Salvation Mountain dank seiner Außergewöhnlichkeit zum nationalen Kulturgut ernannt. Eine Stiftung und Freiwillige halten seitdem den Berg in Stand – einer von Ihnen ist Michael.

Raue Wetterbedingungen und viele Touristen setzten dem Kunstwerk zu, erklärt er mir. Ständig müssen durchgebrochene Stellen repariert oder abgetragene Farbe erneuert werden. Das kostet Geld und viel Anstrengung bei ca. 40 Grad Hitze. Für unbesonnene Touristen hat er deshalb kein Verständnis. Er führt mich noch durch den hinteren Teil der Anlage durch labyrinthartige Stangengebilde und kleine Höhlen mit alten Bildern an den Wänden.

Ich fühle mich ein bisschen wie Alice im Wunderland. Was für ein großartiger, außergewöhnlicher Ort!

 

Slab City

Slab City Kalifornien © Nina Fabienne ScholzMichael empfiehlt mir noch, in der nahegelegenen Slab City vorbei zu schauen. Einer Art wilder Wohnwagensiedlung von Künstlern und Freigeistern, die sich mitten in der Coloradowüste niedergelassen haben. Hier gibt es weder Wasser und Strom noch staatliche Strukturen. Dafür umso mehr Kunst und Anarchie. Schon auf dem Weg sehe ich skurrile Werke. Liegengebliebene, mit Kronkorken und alten Schrotteilen beklebte Autos oder Bäume, in denen unzählige Schuhe hängen. Ab und zu ein paar Menschen, die vor ihren Trailern in Campingstühlen die Hitze überdauern.

Das Highlight ist aber definitiv East Jesus, der kleine Park mit experimentellen Kunstinstallationen, die vollständig aus Schrott gemacht wurden. Das reicht von Riesenelephanten aus Autoreifen über Spaceships, die an Star Wars erinnern bis zu sozialkritischen Medieninstallationen. Ich segele ein bisschen auf einem Holzschiff durch die Wüste und erklimme dann das Netz zu einer Aussichtsplattform mit Sofa. Der Blick ist gigantisch und das Gefühl unbeschreiblich befreiend.

Ich fange an zu träumen: Wie es wohl wäre hier eine Zeit lang zu Leben?

 

Into the Wild

Christopher McCandless, der Aussteiger aus dem Buch „Into the Wild“ hat eine Zeit lang hier verbracht, bevor er sich nach Alaska aufgemacht hat.

Und ich finde beim herumstreunen auf dem Gelände heraus, dass ich auch hier bleiben kann – sogar ganz ohne Trailer!

 

Slab City Hostel © Nina Fabienne Scholz

Ich entdecke ein Schild mit der Aufschrift „Hostel Slab City“ und bin erst mal skeptisch. Ein Hostel, hier? Nach dem ich aber ein paar hundert Meter eine einsame Straße entlang gefahren bin halte ich schließlich wirklich vor dem Slab City Hostel an. Besser gesagt vor einer abenteuerlichen Konstruktion aus zusammengezimmerten Balken, Netzten, Trailern, Solarpanels und alten Möbeln. Naja, wer hätte hier auch ein normales Hostel erwartet? Eine Minute später steht ein ebenso lustiger junger Mann vor mir, der mich sofort an Captain Jack Sparrow aus dem Fluch der Karibik erinnert. Weeeeelcoooome, raunt er mir entgegen und lädt mich zu einem kleinen Rundgang ein.Die Betten stehen unter freiem Himmel in kleinen Nischen zwischen Heuballen, eine große Schaukel hängt in der Mitte des Innenhofs, auf der man sich weit in die Lüfte schwingen kann und ein kleiner Hund mit Regenbogenbemalung läuft kläffend auf mich zu – gerade so als ob er dem Hippie-Himmel entsprungen wäre. Ich bin entzückt und beschließe zu bleiben.

 

 

Slab City Hostel © Nina Fabienne ScholzCaptain Sparrow, wie ich ihn fortan nenne ist schon ein Jahr hier. Ihn hat der Ort nicht mehr losgelassen. Am Anfang sind die Leute meist noch ein bisschen angespannt und wollen meist nur ein bis drei Nächste bleiben. Dann aber fangen sie plötzlich an sich total zu entspannen und wollen nicht mehr weg. Hier kann man so sein wie mal will und alles geht langsamer als sonst irgendwo. Es ist wie an einem Ort außerhalb von Raum und Zeit.

Nach meiner ersten Nacht zwischen Stroh und Sternen weiß ich was er meint. Ich fühle mich gelöst, fern ab vom der Welt und vom Alltag. Ich liege in der Sonne, lese, gehe in der nahe gelegenen Quelle schwimmen und lasse den Tag mit Musik am Lagerfeuer ausklingen. Wenn ich nicht einen Rückflug hätte, würde ich definitiv auch länger hierbleiben. Aber es wartet ja noch ein ungewöhnlicher See auf mich…

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